Epilog
Wir alle sind Kombis!

Innerhalb der niederländischen Bevölkerung stellen Menschen mit marokkanischem, türkischem, antillianischem, surinamischem, chinesischem, indonesischem oder welchem Hintergrund auch immer Minderheiten dar. Möglicherweise kommen sie selbst oder aber ihre Eltern, ein Elternteil, die Großeltern oder irgendeine andere Person aus dem Kreis ihrer Vorfahren aus einem anderen Land. Äußerlich unterscheiden sich diese Menschen zum Teil sehr voneinander, was sie aber eint ist, dass sie in der „weißen Mehrheit“ auffallen. Vor vielen Jahren gehörte auch ich zu einer solchen Minderheit. Die Mehrheit in meiner Umgebung hatte dunkle Haut, so sprang ich aufgrund meiner hellen Haut ins Auge. Ich habe also selbst erlebt, wie es ist, wenn man optisch auffällt und demnach einer Gruppe zugeteilt wird, ohne sich das selbst ausgesucht zu haben. So wurde mir damals eindrücklich bewusst, wie nah Gruppenzugehörigkeit und Gruppenzwang beieinander liegen.

Von meinem siebten bis zu meinem zehnten Lebensjahr wütete auch im Gebiet des pazifischen Ozeans der zweite Weltkrieg. Die Japaner griffen ein Land nach dem anderen an und zwar in enger Kooperation mit den Nazideutschland, das zur selben Zeit damit beschäftigt war, ganz Europa zu überrennen. Zu Beginn des Jahres 1942 war Indonesien an der Reihe das Land, in dem ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und meinem kleinen Bruder wohnte. Indonesien war damals eine Kolonie der Niederlande. Die Japaner besetzten das ganze Land und hielten uns genau wie die restliche niederländische Bevölkerung Indonesiens jahrelang in Lagern gefangen. Daran denke ich bis heute oft zurück. Ich spreche nicht nur meinen Enkelkindern darüber, sondern ich besuche auch Schulen und zeige meinen Diavortrag, den ich über die Zeit in den Internierungslagern erstellt habe. Er heißt: „Die Gans isst den Enten das Brot weg. Meine Kinderjahre in einem japanischen Internierungslager auf Java“. Auf der Leinwand projiziere ich in Großformat die Zeichnungen, die meine Geschwister und ich von dem Lagerleben anfertigten. Auf ihnen ist zu sehen, wie wir auf den Holzpritschen hausten, wie wir zwischen den Baracken spielten, und wie die Soldaten auf den Wachtürmen uns in Schach hielten und das Tor, hinter dem die Freiheit wartete. Außerdem zeigen sie das Gänsespielbrett, das meine Mutter für uns aus der Pappe eines alten Kartons gefertigt hatte, das bekannte Spiel mit den Gänsen, dem Brunnen, dem Gefängnis und dem Tod. Nur sahen auf diesem Brett alle Spielstationen so aus wie im Lager. Während die Dias durchlaufen, hören die Schulkinder Musik und peu à peu auch meine Geschichte, die ich zu den Bildern auf Band gesprochen habe.

Einmal habe ich die Klasse meiner damals zehnjährigen Enkeltochter besucht, um dort meine Geschichte zu erzählen. Sie und die anderen Kinder in ihrer Klasse waren genauso alt wie ich zu dem Zeitpunkt als wir das Lager endlich verlassen durften. Am Ende des Diavortrags waren sie alle ganz still und guckten vor sich hin, bis ich ihnen sagte, sie dürften mich alles fragen, was sie wollten. Eine Stunde lang prasselten die Fragen auf mich ein: Warum die Niederländer in ein Lager mussten und die Indonesier nicht, ob ich noch Albträume deswegen habe, ob mein Vater zurückgekehrt sei, ob die Japaner die Juden genauso sehr verabscheuten wie die Deutschen es taten.

Vorstellungsvermögen
Bis heute zeige ich Kindern meinen mit einer Tonspur unterlegten Diavortrag und beantworte anschließend ihre Fragen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Vorstellungsvermögen zu erweitern, mit Inhalten zu füllen. Dieses große leere Gefäß ohne Formen oder Farben, ohne Geräusche, ohne Gerüche, ohne Gedanken und Gefühle. Das Gefäß des großen „Nicht-Wissens“. In Kriegen werden Soldaten und Soldatinnen dazu gebracht, anderen das Schlimmste anzutun, und das fällt ihnen leichter, wenn sie nicht sehen, was sie anrichten. Der Pilot, der die Atombombe über Hiroshima abwarf, die japanischen Kamikazepiloten, die Deutschen, die Teilaufgaben in der Maschinerie des Holocausts ausführten, die Engländer, die deutsche Städte bombardierten, die Amerikaner, die vietnamesische Dörfern und später irakische Städte mit Bombenteppichen in Schutt und Asche legten. Hätten sie all dies auch getan, wenn sie aus der Nähe gesehen hätten, was sie aus der Entfernung nicht sehen und hören konnten, wenn sie eine Vorstellung davon gehabt hätten in Form von menschlichen Gestalten, Gesichtern und Stimmen?

Während der japanischen Besatzung war ich, genau wie alle anderen Niederländer, die im damaligen Niederländisch-Indien wohnten, in den Lagern der Japaner interniert. Obwohl „wir“, die Niederländer, nur einige Hunderttausend auf viele Millionen Indonesier waren, hatten wir damals das Sagen. Bis die Japaner, das taten, was alle Besatzer tun: Sie schalteten die bisherigen Machthaber aus, um uneingeschränkt herrschen zu können. Meine Mutter, meine Schwester, mein kleiner Bruder und ich kamen in ein sogenanntes Frauenlager. Mein Vater kam in ein Lager für Männer, wir wussten aber nicht wo und auch nicht, ob er überhaupt noch am Leben war. Wir lebten mit viel zu vielen Menschen in völlig überfüllten Baracken, litten schrecklichen Hunger, es stank furchtbar, es gab nicht genug Wasser und keine Medikamente. Fast jeden Tag starb jemand, nicht selten war es ein Kind. Die Japaner sahen auf uns herab und hielten uns durch grausame Strafen unter Kontrolle, die das ganze Lager mitansehen musste. Und doch ist in all den Jahren kaum jemand von den Niederländern geflüchtet. Das war auch schwerlich möglich, schließlich waren wir von einem doppelten Stacheldrahtzaun mit Sichtschutzmatten umgeben und wurden mit Maschinengewehren bewacht und zweimal täglich durchgezählt. Was uns aber tatsächlich an der Flucht hinderte, war die Farbe unserer Haut, die uns jederzeit sofort verraten hätte.

Optische Gruppenzughörigkeit
In der Klasse meiner Enkelin waren einige Kinder of Color, sie war eines dieser Kinder, der Rest jedoch war „weiß“. Eine der erstaunten Fragen lautete: „Ihre weiße Haut hinderte Sie an der Flucht?!“ Das sprengte ihr Vorstellungsvermögen.
Außerhalb des Lagers hatten so gut wie alle Menschen eine dunkle Haut, die Indonesier braun, die „Eurasier“ hellbraun, die Japaner beige. Denn die wenigen Menschen mit „weißer“ Haut, fast alle niederländischer Herkunft, waren ja interniert. Zudem konnten wir nicht davon ausgehen, von Indonesiern versteckt zu werden. Schließlich waren „wir“ diejenigen gewesen, die sie unterdrückt hatten, bevor die Japaner kamen und das übernahmen. Nicht so grausam wie sie vielleicht, aber mit Sicherheit auch nicht immer gerade zimperlich.

Vor dem Krieg und der Lagerhaft hatte Hautfarbe eigentlich keine Bedeutung für mich gehabt. Natürlich war mir aufgefallen, dass die Kinder, die auf unsere Schule gingen und die, mit denen wir spielten, nahezu ausschließlich „weiß“ waren. Oder, dass alle unsere Bediensteten „braun“ waren. Aber erst im Lager wurde mir klar: Nicht nur der Stacheldraht und die Gewehre hielten mich gefangen, sondern vor allem die Farbe meiner Haut.

Bei meinen Schulbesuchen frage ich die Kinder, ob sie andere Menschengruppen kennen, die äußerlich auffielen oder Zielscheibe von Gewalt wurden. Ja, die Schwarzen während der Apartheid. Und natürlich Anne Frank und andere Jüdinnen und Juden, die mit dem gelben Stern optisch erkennbar gemacht wurden, was letztendlich auf das Gleiche hinausläuft. Der Charakter des Gesprächs verändert sich. Es sind nicht mehr rein informative Fragen, die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse nehmen mehr Raum ein. So ist das also, man kann durch die eigene Hautfarbe, ganz egal welche, Gefahren ausgesetzt sein. Ein Junge mit brauner Haut erzählt, er würde immerzu von allen möglichen Leuten gefragt, wo er herkommt. „Wenn ich dann sage: aus Amsterdam, bohren sie einfach weiter!“ Er bekommt Beifall aus der Gruppe, woraufhin er verlegen in die Runde lächelt.

Hier, in den Niederlanden sehen sich People of Color schon seit vielen Jahren mit einer Unverfrorenheit konfrontiert, was die Art und Weise betrifft, mit der sie über ihr Aussehen befragt werden. Auf der Straße, im Bus, in Geschäften, im Wartezimmer, überall. Die Angehörigen der weißen Mehrheit scheinen um jeden Preis, den Eindruck vermeiden zu wollen, sie negierten Menschen mit dunkler Haut. Dabei wäre es wünschenswert, wenn sie sich auch vorstellen könnten, wie es ist, immer wieder auf äußerliche Merkmale angesprochen zu werden. Eine Gegenseitigkeit im Dialog, indem sie von sich selbst, ihrer eigenen Herkunft erzählen, ließe das Ganze schon in einem anderen Licht erscheinen. In einem Klima, in dem Minderheiten, insbesondere People of Color, häufig gesellschaftliche Probleme in die Schuhe geschoben bekommen, können gut gemeinte Fragen allzu leicht wie ein „Zur-Verantwortung-Rufen“ klingen.

Meine Lagererfahrungen haben mich für die Gefahren sensibilisiert, die drohen, wenn Menschen aufgrund von Erkennungsmerkmalen in Gruppen eingeteilt werden. Dabei ist es unerheblich, ob es um angeborene Eigenschaften geht oder um religiöse Merkmale beziehungsweise andere Kennzeichen, für die sich jemand selbst entschieden hat. Angriffe erfolgen nicht nur aus der Luft, wie Bomben auf eine unschuldige Zivilbevölkerung. Übergriffe finden auch auf der Straße, in unserer Umgebung statt, individuell oder im Gruppenverband. Und es gibt immer eine Vorgeschichte, die beinhaltet, das identifizierbare Gruppen allmählich entmenschlicht und zur Zielscheibe werden. Wir Menschen müssen uns daher unablässig damit befassen, gegenseitig unser Vorstellungsvermögen mit Inhalten zu füllen.

Sich entschieden müssen, wozu man gehört
Ein Mädchen aus der Klasse meiner Enkelin erzählte von ihrem Opa. Eines seiner Elternteile stammte indigen von den Molukken, er wollte jedoch nichts von diesem „Halbsein“ wissen. Er setzte sich grundsätzlich nicht in die Sonne und versuchte, so niederländisch wie möglich zu wirken. Und wenn doch jemand „etwas“ merkte oder sah, erwiderte er: Ich bin zu hundert Prozent Niederländer. People of Color werden häufig gefragt, ob sie sich den Niederlanden zugehörig fühlen oder dem Land ihrer Herkunft Marokko, Türkei, die Antillen oder Suriname. Fühlst du dich eher niederländisch oder doch eher marokkanisch. Diese Frage gehört in Radio- und Fernsehinterviews mittlerweile quasi zum Standardprogramm. Niederländische Fußballer ausländischer Herkunft werden gefragt, ob sie auf der WM für „Oranje“ antreten wollen oder lieber für ihr Herkunftsland. Es braucht jedoch keine Medien, um vor die Wahl gestellt zu werden. Ich habe Enkelkinder, deren Väter aus einem anderen Land stammen. Einigen von ihnen ist das anzusehen, beispielsweise meiner Enkeltochter, von deren Klasse ich hier erzähle, bei den anderen wird es am Namen deutlich. Auch sie werden immer wieder gefragt, ob sie sich eher den Niederlanden oder doch eher dem Land ihres Vaters zugehörig fühlen.

Sich entschieden müssen, wozu man gehört, damit wurde auch ich im Krieg konfrontiert. Während unserer Internierung, im Nachhinein betrachtet, etwa nach der Hälfte der Gesamtzeit, fing die japanische Besatzungsmacht an, den jüdischen Teil der niederländischen Bevölkerung separat zu internieren. Es kursierten Gerüchte darüber, was in Europa mit den Juden geschah, und die Japaner waren Alliierte der Deutschen. Doch hier, im weit entfernten Asien, sollten die Juden sicher sein. Die Anordnung der Japaner lautete, alle Personen, die auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes in den Adern hatten, müssten sich zu melden, um in ein gesondertes Lager geschickt zu werden. Meiner Mutter jagte das einen furchtbaren Schrecken ein. Wir, ihre Kinder, hatten jüdisches Blut. Sie war zwar keine Jüdin, doch unser Vater war Jude, wir waren also „halb“. Wir wussten zwar von einem jüdisches Gesetz, nach dem nur Kinder mit jüdischer Mutter als jüdisch gelten, es war jedoch mehr als unwahrscheinlich, dass die Japaner diesen Unterschied berücksichtigen würden.

Meiner Mutter bereitete es schlaflose Nächte und sie besprach mit uns, was sie tun sollte. Wenn sie uns melden würde, riskierte sie im bisherigen Lager zu bleiben, während wir Kinder weggeholt werden würden. Das passierte auch mit allen Jungen, sobald sie zehn Jahre alt geworden waren. Ich hatte das schon oft mit angesehen: Mütter, die einem Lastwagen hinterher rannten, die Augen voller Verzweiflung, und Jungen, die ihr Bestes gaben, um tapfer zu wirken. Zum Glück war mein kleiner Bruder noch keine zehn Jahre alt. Also besser geheim halten, dass wir „halbjüdisch“ waren? Nur was, wenn es doch herauskam? Auf das Nichtbefolgen von Anordnungen standen drakonische Strafen. Wir wussten weder, ob sich unser Vater in seinem Lager gemeldet hatte noch, ob die Japaner unseres Lagers das erfahren würden. Da Wertheim ein bekannter jüdischer Name ist, konnte jedoch auch er uns verraten. Letztendlich beschloss meine Mutter, sich als Jüdin auszugeben. So waren wir also „ganz“ jüdisch und sie würde gemeinsam mit uns in das jüdische Lager gebracht. So kam es dann auch.

Die separate Internierung der Juden
Frühmorgens mussten wir zum Lagertor kommen. Dann wurden wir auf Lastwagen verladen, zusammen mit allen anderen jüdischen Personen aus dem Lager. Das Lager, in das wir gebracht wurden, war noch schlimmer als das Lager, aus dem wir kamen: noch weniger zu essen, noch mehr Krankheiten, noch mehr Gewalt. Bei der separaten Internierung der jüdischen Bevölkerung folgten die Japaner dem Vorbild der Deutschen. Nur geschah es, im Gegensatz zu in Europa, nicht mit der vorgefassten Zielsetzung, uns umzubringen. Erst nach dem Krieg hörten wir, dass die Separierung nicht in allen Lagern durchgeführt wurde. Im Lager unseres Vaters war die Anordnung zwar verkündet worden, er war jedoch bei seiner Abwägung zu dem Schluss gekommen, es würde ihm gelingen, sein Jüdischsein zu verbergen. Männer konnten größere Risiken eingehen als Frauen mit Kindern. Außerdem erfuhren wir, dass fast unsere gesamte Familie väterlicherseits In Europa von den Nazis ermordet worden war. Unsere jüdischen Großeltern hatten an dem Tag, an dem die Niederlande kapitulierten, ihrem Leben in Den Haag ein Ende gesetzt.

Die Entscheidung, die meine Mutter treffen musste, war unmenschlich. Entschied sie sich für das eine, drohte sie, ihre Kinder zu verlieren, entschied sie sich für das andere, drohten grausame Strafen. Letztendlich kam sie zu einer findigen Lösung. Bloß war das jüdische Lager schlimmer, und dort, wo Menschen sterben, kann ein bisschen mehr oder weniger schlimm, eine Frage des Überlebens sein.

Diese Erfahrung hat mich mein ganzes lang Leben beschäftigt. Wir durften nicht »halb« jüdisch sein, sondern wir mussten entweder zu den Juden oder zu den Nicht-Juden gehören. Für mein Empfinden gehöre ich jedoch zu beidem und bin damit zufrieden.
Ich bin der Überzeugung, jeder Mensch muss das Recht haben, eine „Zwischenform“ zu sein. Nicht nur in der Hinsicht, dass Mutter und Vater unterschiedlicher Herkunft sind, sondern auch in kultureller Hinsicht. Ich bin die ersten zehn Jahre meines Lebens im tropischen Indonesien aufgewachsen und habe dort die Gerüche, Farben, Formen und Geräusche aufgenommen. Wenn ich solchen Gerüche begegne, lotst mich das noch heute zu frühen Erinnerungen; zudem habe ich eine Vorliebe für indonesische Batikmuster und Farben, und niemand wird mich je davon abbringen können, das ein Kampong-Hahn ganz anders kräht, als ein holländischer Bauernhof-Hahn. All das habe ich nicht mit Menschen gemein, die in den Niederlanden großgeworden sind. Als ich nach dem zweiten Weltkrieg in die Niederlande kam, schienen die Kinder aus meiner Klasse über ganz andere Dinge zu lachen als ich. Auch aus kultureller Perspektive bin ich demnach nicht „ganz“, in meiner Identität sind verschiedene kulturelle Elemente kombiniert. In bin in jeder Hinsicht eine Kombination; ich bezeichne mich selbst als „Kombi“.

Der menschliche Geist lässt sich nicht auf der Nase herumtanzen
Es ist bestürzend, dass nach so vielen Kriegen und so viel rassistischer Gewalt, immer noch so viele Menschen sich selbst und andere in Gruppen einschließen, und auf diese Weise, oft unbewusst, mitwirken an der Entstehung neuer Gewalt. Ihr Vorstellungsvermögen reicht offensichtlich nicht aus, um wahrzunehmen, dass sich der wundervolle, vielseitige menschliche Geist nicht aufteilen lässt. Und dass er sich schon gar nicht aufgrund einzelner Elemente in eine Gruppe einschließen lässt.

In den Niederlanden ist ein nicht unerheblicher Teil der migrantischen Bevölkerung und ihrer Nachkommen gemischter Abstammung: halb, viertel, achtel, was auch immer. So gut wie alle, sind „halb“ in kultureller Hinsicht, ihre Persönlichkeit beherbergt eine Kombination von Kulturen, die nebenbei bemerkt jede für sich, die niederländische eingeschlossen , nicht so uniform sind, wie sie in der Regel dargestellt werden. Im Klima der immer weiter auseinanderdriftenden Bevölkerungsgruppen, drohen jedoch kombinierte Identitäten erneut unter Verdacht zu geraten, sich nicht anpassen oder integrieren zu wollen. Genau wie wir in den japanischen Internierungslagern, müssen Menschen mit Migrationshintergrund fortlaufend Einschätzungen machen, abwägen, was sie sagen oder tun dürfen oder lieber sein lassen sollten. Verbundenheit mit dem Herkunftsland zu zeigen, kann zum Ausgeschlossenwerden führen, sich mit Haut und Haar anzupassen zum Verlust des Selbstwertgefühls. Sie dürfen nicht „ganz“ sein, aufgrund dessen, dass sie „gemischter“ Herkunft sind. Doch ihre verschiedenen Seiten sind miteinander verbunden und in ihre Identität integriert, kombiniert zu einem Ganzen. Meine Enkeltochter möchte daher auch nicht als „halb“ bezeichnet werden und eigentlich auch nicht als „doppelt“. Ich sage zu ihr: „Du bist eine Kombination, möchtest du ein Kombi sein? Sie sieht mich strahlend an.

Schon heute ist der größte Teil der Weltbevölkerung genetisch und kulturell eine Mischform. Viele tausende von Jahren haben sich die Menschen in Migrationsbewegungen in alle Regionen der Welt begeben. In den letzten Jahrhunderten kommt hinzu, dass viele Menschen Teile ihres Lebens in verschiedenen Ländern leben. Die Vermischung der Weltbevölkerung wird durch die Mondialisierung weiterhin zunehmen. Das ist eine fantastische Entwicklung. Je mehr Zwischenformen es gibt, desto besser. Je weniger abgegrenzte, erkennbare Gruppen, desto geringer das Risiko rassistischer oder anderer Gewalt gegen Gruppen.

Jeder Mensch sollte das Recht bekommen, sich selbst zu definieren, eine eigene Identität zu bestimmen, die mehr Elemente beinhaltet, als die ständig betonte Herkunft oder Kultur. Elemente, die angeboren sind oder die sich im Laufe des Lebens entwickeln: Frau- oder Mannsein oder etwas dazwischen, (Enkel)Kind, (Groß)Elternteil, Schwester, Bruder, sexuelle Orientierung, Talente, Begabungen, Empfindlichkeiten, das Zusammenspiel von gemachten Erfahrungen, Überzeugungen, religiöse Zugehörigkeit oder auch keine, Wissen und Fähigkeiten, Hobbys, Interessen, Passionen … Jeder Mensch hat eine aus Vielem kombinierte Identität. Wir alle sind Kombis!