{"id":2686,"date":"2023-06-26T12:52:28","date_gmt":"2023-06-26T10:52:28","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-ruthwertheim.com\/english\/?p=2686"},"modified":"2023-12-14T18:09:50","modified_gmt":"2023-12-14T17:09:50","slug":"2686-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-ruthwertheim.com\/english\/2686-2\/","title":{"rendered":"Wir alle sind Kombis!"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-2686\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-2686-0\"  class=\"panel-grid panel-has-style\" ><div class=\"panel-row-style panel-row-style-for-2686-0\" ><div id=\"pgc-2686-0-0\"  class=\"panel-grid-cell\" ><div class=\"panel-cell-style panel-cell-style-for-2686-0-0\" ><div id=\"panel-2686-0-0-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-2686-0-0-0\" ><div\n\t\t\t\n\t\t\tclass=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\"\n\t\t\t\n\t\t>\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<h1>Epilog<br \/>\nWir alle sind Kombis!<\/h1>\n<p>Innerhalb der niederl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung stellen Menschen mit marokkanischem, t\u00fcrkischem, antillianischem, surinamischem, chinesischem, indonesischem oder welchem Hintergrund auch immer Minderheiten dar. M\u00f6glicherweise kommen sie selbst oder aber ihre Eltern, ein Elternteil, die Gro\u00dfeltern oder irgendeine andere Person aus dem Kreis ihrer Vorfahren aus einem anderen Land. \u00c4u\u00dferlich unterscheiden sich diese Menschen zum Teil sehr voneinander, was sie aber eint ist, dass sie in der \u201ewei\u00dfen Mehrheit\u201c auffallen. Vor vielen Jahren geh\u00f6rte auch ich zu einer solchen Minderheit. Die Mehrheit in meiner Umgebung hatte dunkle Haut, so sprang ich aufgrund meiner hellen Haut ins Auge. Ich habe also selbst erlebt, wie es ist, wenn man optisch auff\u00e4llt und demnach einer Gruppe zugeteilt wird, ohne sich das selbst ausgesucht zu haben. So wurde mir damals eindr\u00fccklich bewusst, wie nah Gruppenzugeh\u00f6rigkeit und Gruppenzwang beieinander liegen.<\/p>\n<p>Von meinem siebten bis zu meinem zehnten Lebensjahr w\u00fctete auch im Gebiet des pazifischen Ozeans der zweite Weltkrieg. Die Japaner griffen ein Land nach dem anderen an und zwar in enger Kooperation mit den Nazideutschland, das zur selben Zeit damit besch\u00e4ftigt war, ganz Europa zu \u00fcberrennen. Zu Beginn des Jahres 1942 war Indonesien an der Reihe das Land, in dem ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und meinem kleinen Bruder wohnte. Indonesien war damals eine Kolonie der Niederlande. Die Japaner besetzten das ganze Land und hielten uns genau wie die restliche niederl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung Indonesiens jahrelang in Lagern gefangen. Daran denke ich bis heute oft zur\u00fcck. Ich spreche nicht nur meinen Enkelkindern dar\u00fcber, sondern ich besuche auch Schulen und zeige meinen Diavortrag, den ich \u00fcber die Zeit in den Internierungslagern erstellt habe. Er hei\u00dft: \u201eDie Gans isst den Enten das Brot weg. Meine Kinderjahre in einem japanischen Internierungslager auf Java\u201c. Auf der Leinwand projiziere ich in Gro\u00dfformat die Zeichnungen, die meine Geschwister und ich von dem Lagerleben anfertigten. Auf ihnen ist zu sehen, wie wir auf den Holzpritschen hausten, wie wir zwischen den Baracken spielten, und wie die Soldaten auf den Wacht\u00fcrmen uns in Schach hielten und das Tor, hinter dem die Freiheit wartete. Au\u00dferdem zeigen sie das G\u00e4nsespielbrett, das meine Mutter f\u00fcr uns aus der Pappe eines alten Kartons gefertigt hatte, das bekannte Spiel mit den G\u00e4nsen, dem Brunnen, dem Gef\u00e4ngnis und dem Tod. Nur sahen auf diesem Brett alle Spielstationen so aus wie im Lager. W\u00e4hrend die Dias durchlaufen, h\u00f6ren die Schulkinder Musik und peu \u00e0 peu auch meine Geschichte, die ich zu den Bildern auf Band gesprochen habe.<\/p>\n<p>Einmal habe ich die Klasse meiner damals zehnj\u00e4hrigen Enkeltochter besucht, um dort meine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Sie und die anderen Kinder in ihrer Klasse waren genauso alt wie ich zu dem Zeitpunkt als wir das Lager endlich verlassen durften. Am Ende des Diavortrags waren sie alle ganz still und guckten vor sich hin, bis ich ihnen sagte, sie d\u00fcrften mich alles fragen, was sie wollten. Eine Stunde lang prasselten die Fragen auf mich ein: Warum die Niederl\u00e4nder in ein Lager mussten und die Indonesier nicht, ob ich noch Albtr\u00e4ume deswegen habe, ob mein Vater zur\u00fcckgekehrt sei, ob die Japaner die Juden genauso sehr verabscheuten wie die Deutschen es taten.<\/p>\n<p><strong>Vorstellungsverm\u00f6gen<br \/>\n<\/strong>Bis heute zeige ich Kindern meinen mit einer Tonspur unterlegten Diavortrag und beantworte anschlie\u00dfend ihre Fragen, um ihnen die M\u00f6glichkeit zu geben, ihr Vorstellungsverm\u00f6gen zu erweitern, mit Inhalten zu f\u00fcllen. Dieses gro\u00dfe leere Gef\u00e4\u00df ohne Formen oder Farben, ohne Ger\u00e4usche, ohne Ger\u00fcche, ohne Gedanken und Gef\u00fchle. Das Gef\u00e4\u00df des gro\u00dfen \u201eNicht-Wissens\u201c. In Kriegen werden Soldaten und Soldatinnen dazu gebracht, anderen das Schlimmste anzutun, und das f\u00e4llt ihnen leichter, wenn sie nicht sehen, was sie anrichten. Der Pilot, der die Atombombe \u00fcber Hiroshima abwarf, die japanischen Kamikazepiloten, die Deutschen, die Teilaufgaben in der Maschinerie des Holocausts ausf\u00fchrten, die Engl\u00e4nder, die deutsche St\u00e4dte bombardierten, die Amerikaner, die vietnamesische D\u00f6rfern und sp\u00e4ter irakische St\u00e4dte mit Bombenteppichen in Schutt und Asche legten. H\u00e4tten sie all dies auch getan, wenn sie aus der N\u00e4he gesehen h\u00e4tten, was sie aus der Entfernung nicht sehen und h\u00f6ren konnten, wenn sie eine Vorstellung davon gehabt h\u00e4tten in Form von menschlichen Gestalten, Gesichtern und Stimmen?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der japanischen Besatzung war ich, genau wie alle anderen Niederl\u00e4nder, die im damaligen Niederl\u00e4ndisch-Indien wohnten, in den Lagern der Japaner interniert. Obwohl \u201ewir\u201c, die Niederl\u00e4nder, nur einige Hunderttausend auf viele Millionen Indonesier waren, hatten wir damals das Sagen. Bis die Japaner, das taten, was alle Besatzer tun: Sie schalteten die bisherigen Machthaber aus, um uneingeschr\u00e4nkt herrschen zu k\u00f6nnen. Meine Mutter, meine Schwester, mein kleiner Bruder und ich kamen in ein sogenanntes Frauenlager. Mein Vater kam in ein Lager f\u00fcr M\u00e4nner, wir wussten aber nicht wo und auch nicht, ob er \u00fcberhaupt noch am Leben war. Wir lebten mit viel zu vielen Menschen in v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Baracken, litten schrecklichen Hunger, es stank furchtbar, es gab nicht genug Wasser und keine Medikamente. Fast jeden Tag starb jemand, nicht selten war es ein Kind. Die Japaner sahen auf uns herab und hielten uns durch grausame Strafen unter Kontrolle, die das ganze Lager mitansehen musste. Und doch ist in all den Jahren kaum jemand von den Niederl\u00e4ndern gefl\u00fcchtet. Das war auch schwerlich m\u00f6glich, schlie\u00dflich waren wir von einem doppelten Stacheldrahtzaun mit Sichtschutzmatten umgeben und wurden mit Maschinengewehren bewacht und zweimal t\u00e4glich durchgez\u00e4hlt. Was uns aber tats\u00e4chlich an der Flucht hinderte, war die Farbe unserer Haut, die uns jederzeit sofort verraten h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>Optische Gruppenzugh\u00f6rigkeit<\/strong><br \/>\nIn der Klasse meiner Enkelin waren einige Kinder of Color, sie war eines dieser Kinder, der Rest jedoch war \u201ewei\u00df\u201c. Eine der erstaunten Fragen lautete: \u201eIhre wei\u00dfe Haut hinderte Sie an der Flucht?!\u201c Das sprengte ihr Vorstellungsverm\u00f6gen.<br \/>\nAu\u00dferhalb des Lagers hatten so gut wie alle Menschen eine dunkle Haut, die Indonesier braun, die \u201eEurasier\u201c hellbraun, die Japaner beige. Denn die wenigen Menschen mit \u201ewei\u00dfer\u201c Haut, fast alle niederl\u00e4ndischer Herkunft, waren ja interniert. Zudem konnten wir nicht davon ausgehen, von Indonesiern versteckt zu werden. Schlie\u00dflich waren \u201ewir\u201c diejenigen gewesen, die sie unterdr\u00fcckt hatten, bevor die Japaner kamen und das \u00fcbernahmen. Nicht so grausam wie sie vielleicht, aber mit Sicherheit auch nicht immer gerade zimperlich.<\/p>\n<p>Vor dem Krieg und der Lagerhaft hatte Hautfarbe eigentlich keine Bedeutung f\u00fcr mich gehabt. Nat\u00fcrlich war mir aufgefallen, dass die Kinder, die auf unsere Schule gingen und die, mit denen wir spielten, nahezu ausschlie\u00dflich \u201ewei\u00df\u201c waren. Oder, dass alle unsere Bediensteten \u201ebraun\u201c waren. Aber erst im Lager wurde mir klar: Nicht nur der Stacheldraht und die Gewehre hielten mich gefangen, sondern vor allem die Farbe meiner Haut.<\/p>\n<p>Bei meinen Schulbesuchen frage ich die Kinder, ob sie andere Menschengruppen kennen, die \u00e4u\u00dferlich auffielen oder Zielscheibe von Gewalt wurden. Ja, die Schwarzen w\u00e4hrend der Apartheid. Und nat\u00fcrlich Anne Frank und andere J\u00fcdinnen und Juden, die mit dem gelben Stern optisch erkennbar gemacht wurden, was letztendlich auf das Gleiche hinausl\u00e4uft. Der Charakter des Gespr\u00e4chs ver\u00e4ndert sich. Es sind nicht mehr rein informative Fragen, die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse nehmen mehr Raum ein. So ist das also, man kann durch die eigene Hautfarbe, ganz egal welche, Gefahren ausgesetzt sein. Ein Junge mit brauner Haut erz\u00e4hlt, er w\u00fcrde immerzu von allen m\u00f6glichen Leuten gefragt, wo er herkommt. \u201eWenn ich dann sage: aus Amsterdam, bohren sie einfach weiter!\u201c Er bekommt Beifall aus der Gruppe, woraufhin er verlegen in die Runde l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>Hier, in den Niederlanden sehen sich People of Color schon seit vielen Jahren mit einer Unverfrorenheit konfrontiert, was die Art und Weise betrifft, mit der sie \u00fcber ihr Aussehen befragt werden. Auf der Stra\u00dfe, im Bus, in Gesch\u00e4ften, im Wartezimmer, \u00fcberall. Die Angeh\u00f6rigen der wei\u00dfen Mehrheit scheinen um jeden Preis, den Eindruck vermeiden zu wollen, sie negierten Menschen mit dunkler Haut. Dabei w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn sie sich auch vorstellen k\u00f6nnten, wie es ist, immer wieder auf \u00e4u\u00dferliche Merkmale angesprochen zu werden. Eine Gegenseitigkeit im Dialog, indem sie von sich selbst, ihrer eigenen Herkunft erz\u00e4hlen, lie\u00dfe das Ganze schon in einem anderen Licht erscheinen. In einem Klima, in dem Minderheiten, insbesondere People of Color, h\u00e4ufig gesellschaftliche Probleme in die Schuhe geschoben bekommen, k\u00f6nnen gut gemeinte Fragen allzu leicht wie ein \u201eZur-Verantwortung-Rufen\u201c klingen.<\/p>\n<p>Meine Lagererfahrungen haben mich f\u00fcr die Gefahren sensibilisiert, die drohen, wenn Menschen aufgrund von Erkennungsmerkmalen in Gruppen eingeteilt werden. Dabei ist es unerheblich, ob es um angeborene Eigenschaften geht oder um religi\u00f6se Merkmale beziehungsweise andere Kennzeichen, f\u00fcr die sich jemand selbst entschieden hat. Angriffe erfolgen nicht nur aus der Luft, wie Bomben auf eine unschuldige Zivilbev\u00f6lkerung. \u00dcbergriffe finden auch auf der Stra\u00dfe, in unserer Umgebung statt, individuell oder im Gruppenverband. Und es gibt immer eine Vorgeschichte, die beinhaltet, das identifizierbare Gruppen allm\u00e4hlich entmenschlicht und zur Zielscheibe werden. Wir Menschen m\u00fcssen uns daher unabl\u00e4ssig damit befassen, gegenseitig unser Vorstellungsverm\u00f6gen mit Inhalten zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>S<strong>ich entschieden m\u00fcssen, wozu man geh\u00f6rt<\/strong><br \/>\nEin M\u00e4dchen aus der Klasse meiner Enkelin erz\u00e4hlte von ihrem Opa. Eines seiner Elternteile stammte indigen von den Molukken, er wollte jedoch nichts von diesem \u201eHalbsein\u201c wissen. Er setzte sich grunds\u00e4tzlich nicht in die Sonne und versuchte, so niederl\u00e4ndisch wie m\u00f6glich zu wirken. Und wenn doch jemand \u201eetwas\u201c merkte oder sah, erwiderte er: Ich bin zu hundert Prozent Niederl\u00e4nder. People of Color werden h\u00e4ufig gefragt, ob sie sich den Niederlanden zugeh\u00f6rig f\u00fchlen oder dem Land ihrer Herkunft Marokko, T\u00fcrkei, die Antillen oder Suriname. F\u00fchlst du dich eher niederl\u00e4ndisch oder doch eher marokkanisch. Diese Frage geh\u00f6rt in Radio- und Fernsehinterviews mittlerweile quasi zum Standardprogramm. Niederl\u00e4ndische Fu\u00dfballer ausl\u00e4ndischer Herkunft werden gefragt, ob sie auf der WM f\u00fcr \u201eOranje\u201c antreten wollen oder lieber f\u00fcr ihr Herkunftsland. Es braucht jedoch keine Medien, um vor die Wahl gestellt zu werden. Ich habe Enkelkinder, deren V\u00e4ter aus einem anderen Land stammen. Einigen von ihnen ist das anzusehen, beispielsweise meiner Enkeltochter, von deren Klasse ich hier erz\u00e4hle, bei den anderen wird es am Namen deutlich. Auch sie werden immer wieder gefragt, ob sie sich eher den Niederlanden oder doch eher dem Land ihres Vaters zugeh\u00f6rig f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Sich entschieden m\u00fcssen, wozu man geh\u00f6rt, damit wurde auch ich im Krieg konfrontiert. W\u00e4hrend unserer Internierung, im Nachhinein betrachtet, etwa nach der H\u00e4lfte der Gesamtzeit, fing die japanische Besatzungsmacht an, den j\u00fcdischen Teil der niederl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung separat zu internieren. Es kursierten Ger\u00fcchte dar\u00fcber, was in Europa mit den Juden geschah, und die Japaner waren Alliierte der Deutschen. Doch hier, im weit entfernten Asien, sollten die Juden sicher sein. Die Anordnung der Japaner lautete, alle Personen, die auch nur einen Tropfen j\u00fcdischen Blutes in den Adern hatten, m\u00fcssten sich zu melden, um in ein gesondertes Lager geschickt zu werden. Meiner Mutter jagte das einen furchtbaren Schrecken ein. Wir, ihre Kinder, hatten j\u00fcdisches Blut. Sie war zwar keine J\u00fcdin, doch unser Vater war Jude, wir waren also \u201ehalb\u201c. Wir wussten zwar von einem j\u00fcdisches Gesetz, nach dem nur Kinder mit j\u00fcdischer Mutter als j\u00fcdisch gelten, es war jedoch mehr als unwahrscheinlich, dass die Japaner diesen Unterschied ber\u00fccksichtigen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Meiner Mutter bereitete es schlaflose N\u00e4chte und sie besprach mit uns, was sie tun sollte. Wenn sie uns melden w\u00fcrde, riskierte sie im bisherigen Lager zu bleiben, w\u00e4hrend wir Kinder weggeholt werden w\u00fcrden. Das passierte auch mit allen Jungen, sobald sie zehn Jahre alt geworden waren. Ich hatte das schon oft mit angesehen: M\u00fctter, die einem Lastwagen hinterher rannten, die Augen voller Verzweiflung, und Jungen, die ihr Bestes gaben, um tapfer zu wirken. Zum Gl\u00fcck war mein kleiner Bruder noch keine zehn Jahre alt. Also besser geheim halten, dass wir \u201ehalbj\u00fcdisch\u201c waren? Nur was, wenn es doch herauskam? Auf das Nichtbefolgen von Anordnungen standen drakonische Strafen. Wir wussten weder, ob sich unser Vater in seinem Lager gemeldet hatte noch, ob die Japaner unseres Lagers das erfahren w\u00fcrden. Da Wertheim ein bekannter j\u00fcdischer Name ist, konnte jedoch auch er uns verraten. Letztendlich beschloss meine Mutter, sich als J\u00fcdin auszugeben. So waren wir also \u201eganz\u201c j\u00fcdisch und sie w\u00fcrde gemeinsam mit uns in das j\u00fcdische Lager gebracht. So kam es dann auch.<\/p>\n<p><strong>Die separate Internierung der Juden<\/strong><br \/>\nFr\u00fchmorgens mussten wir zum Lagertor kommen. Dann wurden wir auf Lastwagen verladen, zusammen mit allen anderen j\u00fcdischen Personen aus dem Lager. Das Lager, in das wir gebracht wurden, war noch schlimmer als das Lager, aus dem wir kamen: noch weniger zu essen, noch mehr Krankheiten, noch mehr Gewalt. Bei der separaten Internierung der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung folgten die Japaner dem Vorbild der Deutschen. Nur geschah es, im Gegensatz zu in Europa, nicht mit der vorgefassten Zielsetzung, uns umzubringen. Erst nach dem Krieg h\u00f6rten wir, dass die Separierung nicht in allen Lagern durchgef\u00fchrt wurde. Im Lager unseres Vaters war die Anordnung zwar verk\u00fcndet worden, er war jedoch bei seiner Abw\u00e4gung zu dem Schluss gekommen, es w\u00fcrde ihm gelingen, sein J\u00fcdischsein zu verbergen. M\u00e4nner konnten gr\u00f6\u00dfere Risiken eingehen als Frauen mit Kindern. Au\u00dferdem erfuhren wir, dass fast unsere gesamte Familie v\u00e4terlicherseits In Europa von den Nazis ermordet worden war. Unsere j\u00fcdischen Gro\u00dfeltern hatten an dem Tag, an dem die Niederlande kapitulierten, ihrem Leben in Den Haag ein Ende gesetzt.<\/p>\n<p>Die Entscheidung, die meine Mutter treffen musste, war unmenschlich. Entschied sie sich f\u00fcr das eine, drohte sie, ihre Kinder zu verlieren, entschied sie sich f\u00fcr das andere, drohten grausame Strafen. Letztendlich kam sie zu einer findigen L\u00f6sung. Blo\u00df war das j\u00fcdische Lager schlimmer, und dort, wo Menschen sterben, kann ein bisschen mehr oder weniger schlimm, eine Frage des \u00dcberlebens sein.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung hat mich mein ganzes lang Leben besch\u00e4ftigt. Wir durften nicht \u00bbhalb\u00ab j\u00fcdisch sein, sondern wir mussten entweder zu den Juden oder zu den Nicht-Juden geh\u00f6ren. F\u00fcr mein Empfinden geh\u00f6re ich jedoch zu beidem und bin damit zufrieden.<br \/>\nIch bin der \u00dcberzeugung, jeder Mensch muss das Recht haben, eine \u201eZwischenform\u201c zu sein. Nicht nur in der Hinsicht, dass Mutter und Vater unterschiedlicher Herkunft sind, sondern auch in kultureller Hinsicht. Ich bin die ersten zehn Jahre meines Lebens im tropischen Indonesien aufgewachsen und habe dort die Ger\u00fcche, Farben, Formen und Ger\u00e4usche aufgenommen. Wenn ich solchen Ger\u00fcche begegne, lotst mich das noch heute zu fr\u00fchen Erinnerungen; zudem habe ich eine Vorliebe f\u00fcr indonesische Batikmuster und Farben, und niemand wird mich je davon abbringen k\u00f6nnen, das ein Kampong-Hahn ganz anders kr\u00e4ht, als ein holl\u00e4ndischer Bauernhof-Hahn. All das habe ich nicht mit Menschen gemein, die in den Niederlanden gro\u00dfgeworden sind. Als ich nach dem zweiten Weltkrieg in die Niederlande kam, schienen die Kinder aus meiner Klasse \u00fcber ganz andere Dinge zu lachen als ich. Auch aus kultureller Perspektive bin ich demnach nicht \u201eganz\u201c, in meiner Identit\u00e4t sind verschiedene kulturelle Elemente kombiniert. In bin in jeder Hinsicht eine Kombination; ich bezeichne mich selbst als \u201eKombi\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der menschliche Geist l\u00e4sst sich nicht auf der Nase herumtanzen<\/strong><br \/>\nEs ist best\u00fcrzend, dass nach so vielen Kriegen und so viel rassistischer Gewalt, immer noch so viele Menschen sich selbst und andere in Gruppen einschlie\u00dfen, und auf diese Weise, oft unbewusst, mitwirken an der Entstehung neuer Gewalt. Ihr Vorstellungsverm\u00f6gen reicht offensichtlich nicht aus, um wahrzunehmen, dass sich der wundervolle, vielseitige menschliche Geist nicht aufteilen l\u00e4sst. Und dass er sich schon gar nicht aufgrund einzelner Elemente in eine Gruppe einschlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>In den Niederlanden ist ein nicht unerheblicher Teil der migrantischen Bev\u00f6lkerung und ihrer Nachkommen gemischter Abstammung: halb, viertel, achtel, was auch immer. So gut wie alle, sind \u201ehalb\u201c in kultureller Hinsicht, ihre Pers\u00f6nlichkeit beherbergt eine Kombination von Kulturen, die nebenbei bemerkt jede f\u00fcr sich, die niederl\u00e4ndische eingeschlossen , nicht so uniform sind, wie sie in der Regel dargestellt werden. Im Klima der immer weiter auseinanderdriftenden Bev\u00f6lkerungsgruppen, drohen jedoch kombinierte Identit\u00e4ten erneut unter Verdacht zu geraten, sich nicht anpassen oder integrieren zu wollen. Genau wie wir in den japanischen Internierungslagern, m\u00fcssen Menschen mit Migrationshintergrund fortlaufend Einsch\u00e4tzungen machen, abw\u00e4gen, was sie sagen oder tun d\u00fcrfen oder lieber sein lassen sollten. Verbundenheit mit dem Herkunftsland zu zeigen, kann zum Ausgeschlossenwerden f\u00fchren, sich mit Haut und Haar anzupassen zum Verlust des Selbstwertgef\u00fchls. Sie d\u00fcrfen nicht \u201eganz\u201c sein, aufgrund dessen, dass sie \u201egemischter\u201c Herkunft sind. Doch ihre verschiedenen Seiten sind miteinander verbunden und in ihre Identit\u00e4t integriert, kombiniert zu einem Ganzen. Meine Enkeltochter m\u00f6chte daher auch nicht als \u201ehalb\u201c bezeichnet werden und eigentlich auch nicht als \u201edoppelt\u201c. Ich sage zu ihr: \u201eDu bist eine Kombination, m\u00f6chtest du ein Kombi sein? Sie sieht mich strahlend an.<\/p>\n<p>Schon heute ist der gr\u00f6\u00dfte Teil der Weltbev\u00f6lkerung genetisch und kulturell eine Mischform. Viele tausende von Jahren haben sich die Menschen in Migrationsbewegungen in alle Regionen der Welt begeben. In den letzten Jahrhunderten kommt hinzu, dass viele Menschen Teile ihres Lebens in verschiedenen L\u00e4ndern leben. Die Vermischung der Weltbev\u00f6lkerung wird durch die Mondialisierung weiterhin zunehmen. Das ist eine fantastische Entwicklung. Je mehr Zwischenformen es gibt, desto besser. Je weniger abgegrenzte, erkennbare Gruppen, desto geringer das Risiko rassistischer oder anderer Gewalt gegen Gruppen.<\/p>\n<p>Jeder Mensch sollte das Recht bekommen, sich selbst zu definieren, eine eigene Identit\u00e4t zu bestimmen, die mehr Elemente beinhaltet, als die st\u00e4ndig betonte Herkunft oder Kultur. Elemente, die angeboren sind oder die sich im Laufe des Lebens entwickeln: Frau- oder Mannsein oder etwas dazwischen, (Enkel)Kind, (Gro\u00df)Elternteil, Schwester, Bruder, sexuelle Orientierung, Talente, Begabungen, Empfindlichkeiten, das Zusammenspiel von gemachten Erfahrungen, \u00dcberzeugungen, religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeit oder auch keine, Wissen und F\u00e4higkeiten, Hobbys, Interessen, Passionen \u2026 Jeder Mensch hat eine aus Vielem kombinierte Identit\u00e4t. Wir alle sind Kombis!<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Epilog Wir alle sind Kombis! Innerhalb der niederl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung stellen Menschen mit marokkanischem, t\u00fcrkischem, antillianischem, surinamischem, chinesischem, indonesischem oder welchem Hintergrund auch immer Minderheiten dar. 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