{"id":2471,"date":"2016-02-01T12:18:21","date_gmt":"2016-02-01T11:18:21","guid":{"rendered":"https:\/\/anne-ruthwertheim.com\/english\/?p=2471"},"modified":"2021-02-03T16:40:54","modified_gmt":"2021-02-03T15:40:54","slug":"2471-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anne-ruthwertheim.com\/english\/2471-2\/","title":{"rendered":"Wir sind alle Kombis!"},"content":{"rendered":"<div id=\"pl-2471\"  class=\"panel-layout\" ><div id=\"pg-2471-0\"  class=\"panel-grid panel-has-style\" ><div class=\"panel-row-style panel-row-style-for-2471-0\" ><div id=\"pgc-2471-0-0\"  class=\"panel-grid-cell\" ><div class=\"panel-cell-style panel-cell-style-for-2471-0-0\" ><div id=\"panel-2471-0-0-0\" class=\"so-panel widget widget_sow-editor panel-first-child panel-last-child\" data-index=\"0\" ><div class=\"panel-widget-style panel-widget-style-for-2471-0-0-0\" ><div\n\t\t\t\n\t\t\tclass=\"so-widget-sow-editor so-widget-sow-editor-base\"\n\t\t\t\n\t\t>\n<div class=\"siteorigin-widget-tinymce textwidget\">\n\t<h1>Anne-Ruth Wertheim: Wir sind alle Kombis! Gewalt und die Festlegung\u2028von Identit\u00e4ten<\/h1>\n<p><em>Dieser Artikel ist eine \u00dcbersetzung aus der niederl\u00e4ndischen in die deutsche Sprache <\/em><br \/>\n<em>von Anja H\u00e4nsch und Genia Niemeyer. <\/em><br \/>\n<em>(Der urspr\u00fcngliche Artikel erschien am 4. Februar 2006 in der Niederl\u00e4ndischen Zeitung \u2019De Volkskrant\u2019)<\/em><br \/>\n<em>F\u00fchlst du dich als Niederl\u00e4nder oder Marokkaner oder T\u00fcrke, j\u00fcdisch oder nicht-j\u00fcdisch?<\/em><\/p>\n<p>Warum solche Fragen nach der Loyalit\u00e4t zu einer Gruppe besser nicht gestellt werden sollten, m\u00f6chte ich im folgenden begr\u00fcnden.<br \/>\nIch geh\u00f6rte einst zu einer Minderheit. Die Mehrheit um mich herum hatte eine dunkle Haut und ich fiel auf mit meiner Hellen. Ohne dass ich mir dies ausgesucht hatte, war ich zu erkennen und konnte zugeordnet werden. Ich entdeckte wie nah die Einteilung in Gruppen und Gruppengewalt beieinander liegen.<br \/>\nVon meinem siebten bis zu meinem zehnten Lebensjahr tobte rund um den Stillen Ozean der II. Weltkrieg. Die Japaner eroberten ein Land nach dem anderen, in enger Zusammenarbeit mit den Deutschen, die in Europa dasselbe taten. Anfang 1942 eroberten sie Indonesien, wo ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und meinem Bruder wohnte. Wir wurden Jahre lang in Lagern gefangen gehalten. Hiervon erz\u00e4hle ich meinen Enkelkindern. In Schulen zeige ich die Diatonproduktion \u201eDie Gans isst das Brot der Enten auf. Meine Kindheit in einem japanischen Lager auf Java\u201c. Auf eine Leinwand projiziere ich die vergr\u00f6\u00dferten Zeichnungen, die wir als Kinder von dem Lagerleben gemacht hatten: wie wir auf h\u00f6lzernen Pritschen schliefen und wohnten, wie wir zwischen den Baracken spielten, die Wachtt\u00fcrme und das Tor, das uns von der Freiheit abschloss. Man sieht auch das G\u00e4nse-Brettspiel, das meine Mutter f\u00fcr uns aus dem Karton einer alten Schachtel gemacht hatte, mit dem Brunnen, dem Gef\u00e4ngnis und dem Tod. Doch alles sah so aus wie im Lager.<br \/>\nW\u00e4hrend des Diatonfilms h\u00f6rt man Musik und nach und nach meine Geschichte. Nach einer Vorstellung in der Klasse meiner zehnj\u00e4hrigen Enkelin schauten alle Kinder still vor sich hin bis ich sagte, dass sie mich alles fragen konnten, was sie wollten. Da prasselten ihre Fragen auf mich nieder: warum die Niederl\u00e4nder in Indonesien gefangengehalten wurden und die Indonesier nicht, ob ich noch Albtr\u00e4ume von der Zeit h\u00e4tte, ob mein Vater zur\u00fcckgekommen sei, ob die Japaner so wie die Deutschen die Juden nicht ausstehen konnten.<br \/>\nMeine Erfahrungen befl\u00fcgeln ihr Vorstellungsverm\u00f6gen. Das Feld des gro\u00dfen Nicht-Wissens. In Kriegen tun Soldaten andern die schlimmsten Dinge an und das f\u00e4llt ihnen leichter, wenn sie nicht sehen, was sie anrichten. Der Pilot, der die Bombe auf Hiroschima warf, die japanischen Kamikazepiloten, die Deutschen, die Teilaufgaben erledigten, die zum Holocaust f\u00fchrten, die Engl\u00e4nder, die deutsche St\u00e4dte bombardierten, die Amerikaner, die Bomben auf vietnamesische D\u00f6rfer und irakische St\u00e4dtebewohner hageln lie\u00dfen. H\u00e4tten sie das alles auch getan, wenn sie sich dabei Menschen, Gestalten, Gesichter und Stimmen vorgestellt h\u00e4tten?<br \/>\nWie alle Niederl\u00e4nder, die in der damaligen niederl\u00e4ndischen Kolonie\u00a0Indonesien gewohnt hatten, war ich im japanischen Gefangenenlager. Davor hatten wir das Sagen gehabt, obwohl wir in Vergleich zu den vielen Millionen Indonesiern nur ein paar hunderttausend waren. Dann taten die Japaner, was Besatzer immer tun: sie schalteten uns aus und \u00fcbernahmen selbst die Macht.<br \/>\nMeine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich waren in einem Frauenlager untergebracht. Wir lebten in Baracken, die mit unendlich viel Menschen vollgestopft waren. Alle hatten Hunger; es stank f\u00fcrchterlich; es gab zu wenig Wasser und keine Medikamente. Fast jeden Tag starb jemand \u2013 h\u00e4ufig auch ein Kind. Die Japaner hielten uns mit gewaltt\u00e4tigen Strafen unter Kontrolle, bei deren Ausf\u00fchrung das ganze Lager zuschauen musste. Dennoch kamen die Niederl\u00e4nder niemals auf den Gedanken, einen Fluchtversuch zu wagen. Sicher, es w\u00e4re nicht einfach gewesen zu fliehen. Wir sa\u00dfen hinter\u00a0 Stacheldrahtz\u00e4unen gefangen, die mit Matten abgedichtet waren, wurden mit Maschinengewehren bewacht und zweimal am Tag gez\u00e4hlt. Was uns jedoch eigentlich davon abhielt zu fl\u00fcchten war unsere wei\u00dfe Haut.<br \/>\nIn der Klasse meiner Enkelin sind ein paar Kinder mit farbiger Haut, so wie auch meine Enkelin. Der Rest der Klasse ist wei\u00df. \u201eWegen Ihrer wei\u00dfen Haut wurden Sie gefangen gehalten?\u201c Das \u00fcbersteigt ihr Vorstellungsverm\u00f6gen.<br \/>\nAu\u00dferhalb des Lagers waren alle braun, so wie die Indonesier oder gelb wie die Japaner. Schlie\u00dflich waren die Wei\u00dfen in Indonesien alle in Gefangenenlagern. Auch war es nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass die Indonesier uns aufgenommen h\u00e4tten. Immerhin hatten wir \u00fcber sie geherrscht,\u00a0 bevor die Japaner kamen, zwar nicht so grausam wie diese, aber auch nicht gerade immer milde.<br \/>\nVor dem Krieg hatte Hautfarbe keine Bedeutung f\u00fcr mich. Mir war zwar aufgefallen, dass es in der Schule nur wei\u00dfe Kinder gab und dass alle unsere Bediensteten braun waren. Doch langsam durchdrang mich im Lager der Gedanke, dass nicht allein der Stacheldraht und die Gewehre mich gefangen hielten, sondern auch meine wei\u00dfe Haut.<br \/>\nIch frage die Kinder, ob sie andere Gruppen kennen, die auffallen und zur Zielscheibe von Gewalt werden. \u201eJa, die Schwarzen zur Zeit der Apartheid und Anne Frank nat\u00fcrlich. Die Juden wurden durch einen gelben Stern kenntlich gemacht. Das l\u00e4uft aufs Gleiche raus\u201c. Das Gespr\u00e4ch ver\u00e4ndert sich und wird pers\u00f6nlicher. Die Kinder stellen weniger Sachfragen und beginnen mehr aus ihrem eigenen Leben zu erz\u00e4hlen. So ist das also: man kann durch die Hautfarbe in Gefahr geraten, welche es auch immer ist. Ein Junge mit dunkler Haut erz\u00e4hlt, dass jeder ihn fragt, wo er herkommt. \u201eUnd wenn ich sage \u201aaus Amsterdam\u2019, dann fragen sie einfach weiter.\u201c Er erh\u00e4lt beif\u00e4llige Zustimmung von der Gruppe und l\u00e4chelt daraufhin verlegen in die Runde.<br \/>\nIn dem gegenw\u00e4rtig angespannten Gesellschaftsklima werden Menschen mit dunkler Haut stets unverfrorener befragt, sei es auf der Stra\u00dfe, im Bus, in Gesch\u00e4ften oder in Wartezimmern. Menschen, die der Mehrheit angeh\u00f6ren, scheinen um jeden Preis vermeiden zu wollen, ihre farbigen Mitb\u00fcrger zu ignorieren. Doch sollten sie sich einmal vorstellen, wie es sich anf\u00fchlt, st\u00e4ndig aufgrund der \u00e4u\u00dferen Erscheinung angesprochen zu werden. Ein gegenseitiger Austausch, bei dem auch diejenigen, die solche Fragen stellen, von ihrer eigenen Herkunft erz\u00e4hlen, k\u00f6nnte hier schon einen Unterschied machen. In einer Zeit jedoch, in der die farbige Minderheit viele gesellschaftliche Probleme in die Schuhe geschoben bekommt, k\u00f6nnen selbst gut gemeinte Fragen klingen, als ob hier jemand zur Verantwortung gezogen werden soll.<br \/>\nMeine Lagererfahrungen haben mich f\u00fcr die Gefahren sensibilisiert, die drohen k\u00f6nnen, wenn Menschen aufgrund von Gemeinsamkeiten \u00e4u\u00dferlicher Kennzeichen \u2013 seien diese nun angeborener, religi\u00f6ser oder anderer Natur \u2013 zu einer Gruppe zusammengeschlossen werden. Gewalttaten werden auf der Erde individuell oder von Gruppen ausge\u00fcbt und fallen nicht einfach wie Bomben aus der Luft auf unschuldige B\u00fcrger. Wenn es sich um Gewalt gegen Gruppen handelt, geht dieser immer eine \u2019Entstehungsgeschichte\u2019 voraus, bei der erkennbare Gruppen Schritt f\u00fcr Schritt ihre menschlichen Z\u00fcge verlieren und zur Zielscheibe werden. Von allen Seiten ist es wichtig, das Vorstellungsverm\u00f6gen darin zu trainieren wie so etwas vor sich geht.<br \/>\nEin M\u00e4dchen erz\u00e4hlt von ihrem Opa mit halb-molukkischer Herkunft, von der er jedoch nichts wissen wollte. Er setzte sich nie in die Sonne und verhielt sich so Niederl\u00e4ndisch wie m\u00f6glich. Wenn dann doch jemand etwas an ihm bemerkte, sagte er: \u201eIch bin hundert Prozent Niederl\u00e4ndisch!\u201c Menschen mit einer dunklen Haut werden auch h\u00e4ufig nach ihrer Zugeh\u00f6rigkeit befragt. F\u00fchlst Du Dich als Niederl\u00e4nder oder als Marokkaner oder als T\u00fcrke? In Interviews ist dies zu einer Standardfrage geworden. Niederl\u00e4ndische Fu\u00dfballer ausl\u00e4ndischer Herkunft werden gefragt, ob sie wirklich f\u00fcr die niederl\u00e4ndische Nationalmannschaft spielen wollen. Ich habe Enkelkinder, deren Vater aus einem andern Land kommt. Bei meiner Enkelin, von der ich hier erz\u00e4hle, ist dies \u00e4u\u00dferlich sichtbar; bei den anderen geht es aus ihrem Namen hervor. Auch sie werden st\u00e4ndig vor die Wahl zwischen den Niederlanden und dem Land ihres Vaters gestellt.<br \/>\nNachdem die H\u00e4lfte der Jahre im Lager um war, trennten die Japaner die Juden von den \u00fcbrigen Inhaftierten. Es gab Ger\u00fcchte dar\u00fcber, was die Deutschen den Juden antaten, doch hier im fernen Asien schienen sie sicher zu sein. Der Befehl lautete, dass alle, die auch nur einen Tropfen j\u00fcdischen Blutes in ihren Adern hatten, in ein anderes Lager abtransportiert werden mussten. Meine Mutter erschrak sich zu Tode: wir, ihre Kinder, hatten j\u00fcdisches Blut. Sie selbst war keine J\u00fcdin, aber mein Vater war Jude und so waren wir halb-j\u00fcdisch. Wir wussten wohl, dass nach j\u00fcdischem Gesetz allein die Kinder einer j\u00fcdischen Mutter Juden sind, doch das k\u00fcmmerte die Japaner sicher nicht. Meine Mutter hatte schlaflose N\u00e4chte. Meldete sie uns, konnten wir ihr weggenommen werden. Das passierte auch mit allen Jungen, sobald sie zehn wurden, weil man dann aus japanischer Sicht erwachsen war. Ich hatte das oft gesehen: die M\u00fctter, die den Lastwagen mit Verzweiflung in ihren Augen hinterher rannten. Die Jungen, die dabei versuchten, sich tapfer zu geben und Haltung zu bewahren. Sollte meine Mutter geheim halten, dass wir halb-j\u00fcdisch waren? Und wenn das heraus kam oder man uns verriet? Wertheim ist ein j\u00fcdischer Name und Ungehorsam wurde grausam bestraft. Hatte mein Vater sich in seinem Lager als Jude gemeldet und wusste man das hier? Schlie\u00dflich entschied meine Mutter, sich selbst als J\u00fcdin auszugeben. Auf diese Weise waren wir \u201eganz\u201c, und sie w\u00fcrde mit uns ins j\u00fcdische Lager gehen.<br \/>\nEines fr\u00fchen Morgens mussten wir zum Tor kommen und wurden zusammen mit allen anderen Juden auf einen Lastwagen geladen. Das Lager, das uns erwartete, war schlimmer als das davor: noch weniger Essen, noch mehr Krankheiten, noch mehr Gewalt. Die Japaner sonderten die Juden aus so wie die Deutschen dies in Europa taten. Anders als in Europa geschah dies jedoch nicht mit dem Ziel uns umzubringen. Juden wurden l\u00e4ngst nicht in allen japanischen Lagern - wohl aber auch im Lager meines Vaters \u2013 von den anderen Inhaftierten getrennt. Mein Vater glaubte\u00a0jedoch\u00a0dass er gute Chancen hatte, seine j\u00fcdische Herkunft verbergen zu k\u00f6nnen. M\u00e4nner allein konnten gr\u00f6\u00dfere Risiken eingehen als Frauen mit Kindern. Inzwischen wurde in Europa fast unsere gesamte Familie v\u00e4terlicherseits umgebracht. Meine j\u00fcdischen Gro\u00dfeltern machten ihrem Leben an dem Tag ein Ende, an dem die Niederlande kapitulierten.<br \/>\nDie Wahl vor die meine Mutter gestellt wurde war unmenschlich: entweder riskierte sie ihre Kinder zu verlieren oder es drohten grauenhafte Strafen. Ihre L\u00f6sung war zwar erfinderisch, doch das j\u00fcdische Lager war schlimmer als das vorherige Lager und wo Menschen vor Hunger sterben ist der Unterschied zwischen \u201eschlimmer\u201c und \u201eweniger schlimm\u201c lebenswichtig.<br \/>\nDie Erfahrung dazu gezwungen zu werden, eine Wahl zwischen \u201eRassen\u201c zu treffen, hat mich mein weiteres Leben lang besch\u00e4ftigt. Um \u201aganz\u2019 sein zu d\u00fcrfen, mussten wir\u00a0 zwischen j\u00fcdisch und nicht-j\u00fcdisch w\u00e4hlen, doch ich f\u00fchlte mich beidem zugeh\u00f6rig. Auch denke ich, dass es allen gestattet werden muss, eine Zwischenform sein zu k\u00f6nnen und zwar nicht nur in genetischer, sondern auch in kultureller Hinsicht. Ich lebte zehn Jahre lang im tropischen Indonesien und nahm dort neben den Ger\u00fcchen, Farben, Formen und Kl\u00e4ngen auch die Umgangsformen in mich auf. Die Ger\u00fcche bringen mir heute noch meine fr\u00fchen Kindheitserinnerungen zur\u00fcck. Ich habe eine Vorliebe f\u00fcr batikartige Muster und Farben. Auch habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass ein Kampong-Hahn ganz anders kr\u00e4ht als ein holl\u00e4ndischer Bauernhahn und niemand kann mich vom Gegenteil \u00fcberzeugen. All diese Dinge teile ich nicht mit Menschen, die in den Niederlanden aufgewachsen sind. Als ich nach dem Krieg hierhin gekommen bin, lachten die Kinder in meiner Klasse \u00fcber ganz andere Dinge als ich. Auch kulturell gesehen bin ich in diesem Sinn nicht \u201eganz\u201c; ich kombiniere in meiner Identit\u00e4t verschiedene Kulturen.<br \/>\nEs ist erschreckend, dass nach so vielen Kriegen und rassistischer Gewalt noch so viele Menschen sich und andere in Gruppen einschlie\u00dfen und so \u2013 meistens unabsichtlich \u2013 zum Entstehen neuer Gewalt beitragen. Ihr Vorstellungsverm\u00f6gen reicht offensichtlich nicht aus, um zu sehen, dass der sch\u00f6ne vielseitige menschliche Geist sich nicht in Bruchst\u00fccke zersplittern und sich ganz sicher nicht aufgrund so eines Bruchst\u00fccks in eine Gruppe einschlie\u00dfen l\u00e4sst.<br \/>\nViele Migranten und ihre Nachkommen sind genetisch von gemischter Herkunft: eine H\u00e4lfte von diesem, ein Viertel oder ein Achtel von jenem. Selbst diejenigen, die genetisch \u201eganz\u201c sind, sind doch zumeist \u201ehalb\u201c in kulturellem Sinn. Ihre Pers\u00f6nlichkeit beherbergt eine Kombination von Kulturen, die genau wie die niederl\u00e4ndische Kultur weit davon entfernt sind, einf\u00f6rmig zu sein. In der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Atmosph\u00e4re, in der die Rede von auseinander driftenden Bev\u00f6lkerungsgruppen ist, droht so eine \u201ekombinierte Identit\u00e4t\u201c in Verdacht zu geraten oder wird mit der Vorstellung aufgeladen, dass es sich hierbei um eine Weigerung handelt, Teil der Gemeinschaft sein zu wollen. Genau so wie wir in den japanischen Lagern m\u00fcssen die Menschen st\u00e4ndig Situationen einsch\u00e4tzen und abw\u00e4gen, was sie sagen oder tun. Anh\u00e4nglichkeit an das Herkunftsland kann dazu f\u00fchren, ausgesto\u00dfen zu werden. Sich mit Haut und Haaren anpassen kann bedeuten, dass man seine Selbstachtung verliert. Sie d\u00fcrfen nicht \u201eganz sein\u201c und zugleich eine Mischung sind. Meine Enkelin will aber nicht als \u201ehalb\u201c bezeichnet werden und eigentlich auch nicht als \u201edoppelt\u201c. \u201eDu bist eine Kombination\u201c, sage ich. Willst du ein \u201aKombi\u2019 sein? Da sieht sie mich strahlend an.<br \/>\nTausende von Jahren wanderten Menschen in alle Richtungen \u00fcber den Erdball oder lebten in verschiedenen L\u00e4ndern. Hierdurch besteht jetzt bereits ein bedeutender Teil der Weltbev\u00f6lkerung aus genetischen und kulturellen Mischformen, die durch fortschreitende Globalisierung weiter zunehmen werden. All dies ist phantastisch; denn um so weniger \u00e4u\u00dferlich erkennbare Gruppen es gibt, um so weniger kann es rassistische oder andere Gewalt gegen Gruppen geben. Lassen wir jeden und jede sich selbst sein und ihre eigene Identit\u00e4t zusammen stellen, eine Identit\u00e4t, die\u00a0 - teils angeboren teils w\u00e4hrend des Lebens entwickelt - weitaus mehr umfasst als die st\u00e4ndig betonte Herkunft und Kultur:\u00a0 Frau, Mann oder Zwischenformen, Geliebte(r), Kind, Enkelkind, Eltern, Betreuer, Gro\u00dfeltern, Schwester, Bruder, Herkunft, Abkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Interessen, Talente, F\u00e4higkeiten, Besch\u00e4ftigungen, Empfindlichkeiten, \u00dcberzeugungen, religi\u00f6se oder nicht-religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeiten, Lebensstil, Leidenschaften... Jeder und jede hat eine kombinierte Identit\u00e4t. Wir sind alle \u201eKombis\u201c!<\/p>\n<\/div>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anne-Ruth Wertheim: Wir sind alle Kombis! 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