Anne-Ruth Wertheim: Wir sind alle Kombis! Gewalt und die Festlegung
von Identitäten

Dieser Artikel ist eine Übersetzung aus der niederländischen in die deutsche Sprache
von Anja Hänsch und Genia Niemeyer.
(Der ursprüngliche Artikel erschien am 4. Februar 2006 in der Niederländischen Zeitung ’De Volkskrant’)
Fühlst du dich als Niederländer oder Marokkaner oder Türke, jüdisch oder nicht-jüdisch?

Warum solche Fragen nach der Loyalität zu einer Gruppe besser nicht gestellt werden sollten, möchte ich im folgenden begründen.
Ich gehörte einst zu einer Minderheit. Die Mehrheit um mich herum hatte eine dunkle Haut und ich fiel auf mit meiner Hellen. Ohne dass ich mir dies ausgesucht hatte, war ich zu erkennen und konnte zugeordnet werden. Ich entdeckte wie nah die Einteilung in Gruppen und Gruppengewalt beieinander liegen.
Von meinem siebten bis zu meinem zehnten Lebensjahr tobte rund um den Stillen Ozean der II. Weltkrieg. Die Japaner eroberten ein Land nach dem anderen, in enger Zusammenarbeit mit den Deutschen, die in Europa dasselbe taten. Anfang 1942 eroberten sie Indonesien, wo ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und meinem Bruder wohnte. Wir wurden Jahre lang in Lagern gefangen gehalten. Hiervon erzähle ich meinen Enkelkindern. In Schulen zeige ich die Diatonproduktion „Die Gans isst das Brot der Enten auf. Meine Kindheit in einem japanischen Lager auf Java“. Auf eine Leinwand projiziere ich die vergrößerten Zeichnungen, die wir als Kinder von dem Lagerleben gemacht hatten: wie wir auf hölzernen Pritschen schliefen und wohnten, wie wir zwischen den Baracken spielten, die Wachttürme und das Tor, das uns von der Freiheit abschloss. Man sieht auch das Gänse-Brettspiel, das meine Mutter für uns aus dem Karton einer alten Schachtel gemacht hatte, mit dem Brunnen, dem Gefängnis und dem Tod. Doch alles sah so aus wie im Lager.
Während des Diatonfilms hört man Musik und nach und nach meine Geschichte. Nach einer Vorstellung in der Klasse meiner zehnjährigen Enkelin schauten alle Kinder still vor sich hin bis ich sagte, dass sie mich alles fragen konnten, was sie wollten. Da prasselten ihre Fragen auf mich nieder: warum die Niederländer in Indonesien gefangengehalten wurden und die Indonesier nicht, ob ich noch Albträume von der Zeit hätte, ob mein Vater zurückgekommen sei, ob die Japaner so wie die Deutschen die Juden nicht ausstehen konnten.
Meine Erfahrungen beflügeln ihr Vorstellungsvermögen. Das Feld des großen Nicht-Wissens. In Kriegen tun Soldaten andern die schlimmsten Dinge an und das fällt ihnen leichter, wenn sie nicht sehen, was sie anrichten. Der Pilot, der die Bombe auf Hiroschima warf, die japanischen Kamikazepiloten, die Deutschen, die Teilaufgaben erledigten, die zum Holocaust führten, die Engländer, die deutsche Städte bombardierten, die Amerikaner, die Bomben auf vietnamesische Dörfer und irakische Städtebewohner hageln ließen. Hätten sie das alles auch getan, wenn sie sich dabei Menschen, Gestalten, Gesichter und Stimmen vorgestellt hätten?
Wie alle Niederländer, die in der damaligen niederländischen Kolonie Indonesien gewohnt hatten, war ich im japanischen Gefangenenlager. Davor hatten wir das Sagen gehabt, obwohl wir in Vergleich zu den vielen Millionen Indonesiern nur ein paar hunderttausend waren. Dann taten die Japaner, was Besatzer immer tun: sie schalteten uns aus und übernahmen selbst die Macht.
Meine Mutter, meine Schwester, mein Bruder und ich waren in einem Frauenlager untergebracht. Wir lebten in Baracken, die mit unendlich viel Menschen vollgestopft waren. Alle hatten Hunger; es stank fürchterlich; es gab zu wenig Wasser und keine Medikamente. Fast jeden Tag starb jemand – häufig auch ein Kind. Die Japaner hielten uns mit gewalttätigen Strafen unter Kontrolle, bei deren Ausführung das ganze Lager zuschauen musste. Dennoch kamen die Niederländer niemals auf den Gedanken, einen Fluchtversuch zu wagen. Sicher, es wäre nicht einfach gewesen zu fliehen. Wir saßen hinter  Stacheldrahtzäunen gefangen, die mit Matten abgedichtet waren, wurden mit Maschinengewehren bewacht und zweimal am Tag gezählt. Was uns jedoch eigentlich davon abhielt zu flüchten war unsere weiße Haut.
In der Klasse meiner Enkelin sind ein paar Kinder mit farbiger Haut, so wie auch meine Enkelin. Der Rest der Klasse ist weiß. „Wegen Ihrer weißen Haut wurden Sie gefangen gehalten?“ Das übersteigt ihr Vorstellungsvermögen.
Außerhalb des Lagers waren alle braun, so wie die Indonesier oder gelb wie die Japaner. Schließlich waren die Weißen in Indonesien alle in Gefangenenlagern. Auch war es nicht selbstverständlich, dass die Indonesier uns aufgenommen hätten. Immerhin hatten wir über sie geherrscht,  bevor die Japaner kamen, zwar nicht so grausam wie diese, aber auch nicht gerade immer milde.
Vor dem Krieg hatte Hautfarbe keine Bedeutung für mich. Mir war zwar aufgefallen, dass es in der Schule nur weiße Kinder gab und dass alle unsere Bediensteten braun waren. Doch langsam durchdrang mich im Lager der Gedanke, dass nicht allein der Stacheldraht und die Gewehre mich gefangen hielten, sondern auch meine weiße Haut.
Ich frage die Kinder, ob sie andere Gruppen kennen, die auffallen und zur Zielscheibe von Gewalt werden. „Ja, die Schwarzen zur Zeit der Apartheid und Anne Frank natürlich. Die Juden wurden durch einen gelben Stern kenntlich gemacht. Das läuft aufs Gleiche raus“. Das Gespräch verändert sich und wird persönlicher. Die Kinder stellen weniger Sachfragen und beginnen mehr aus ihrem eigenen Leben zu erzählen. So ist das also: man kann durch die Hautfarbe in Gefahr geraten, welche es auch immer ist. Ein Junge mit dunkler Haut erzählt, dass jeder ihn fragt, wo er herkommt. „Und wenn ich sage ‚aus Amsterdam’, dann fragen sie einfach weiter.“ Er erhält beifällige Zustimmung von der Gruppe und lächelt daraufhin verlegen in die Runde.
In dem gegenwärtig angespannten Gesellschaftsklima werden Menschen mit dunkler Haut stets unverfrorener befragt, sei es auf der Straße, im Bus, in Geschäften oder in Wartezimmern. Menschen, die der Mehrheit angehören, scheinen um jeden Preis vermeiden zu wollen, ihre farbigen Mitbürger zu ignorieren. Doch sollten sie sich einmal vorstellen, wie es sich anfühlt, ständig aufgrund der äußeren Erscheinung angesprochen zu werden. Ein gegenseitiger Austausch, bei dem auch diejenigen, die solche Fragen stellen, von ihrer eigenen Herkunft erzählen, könnte hier schon einen Unterschied machen. In einer Zeit jedoch, in der die farbige Minderheit viele gesellschaftliche Probleme in die Schuhe geschoben bekommt, können selbst gut gemeinte Fragen klingen, als ob hier jemand zur Verantwortung gezogen werden soll.
Meine Lagererfahrungen haben mich für die Gefahren sensibilisiert, die drohen können, wenn Menschen aufgrund von Gemeinsamkeiten äußerlicher Kennzeichen – seien diese nun angeborener, religiöser oder anderer Natur – zu einer Gruppe zusammengeschlossen werden. Gewalttaten werden auf der Erde individuell oder von Gruppen ausgeübt und fallen nicht einfach wie Bomben aus der Luft auf unschuldige Bürger. Wenn es sich um Gewalt gegen Gruppen handelt, geht dieser immer eine ’Entstehungsgeschichte’ voraus, bei der erkennbare Gruppen Schritt für Schritt ihre menschlichen Züge verlieren und zur Zielscheibe werden. Von allen Seiten ist es wichtig, das Vorstellungsvermögen darin zu trainieren wie so etwas vor sich geht.
Ein Mädchen erzählt von ihrem Opa mit halb-molukkischer Herkunft, von der er jedoch nichts wissen wollte. Er setzte sich nie in die Sonne und verhielt sich so Niederländisch wie möglich. Wenn dann doch jemand etwas an ihm bemerkte, sagte er: „Ich bin hundert Prozent Niederländisch!“ Menschen mit einer dunklen Haut werden auch häufig nach ihrer Zugehörigkeit befragt. Fühlst Du Dich als Niederländer oder als Marokkaner oder als Türke? In Interviews ist dies zu einer Standardfrage geworden. Niederländische Fußballer ausländischer Herkunft werden gefragt, ob sie wirklich für die niederländische Nationalmannschaft spielen wollen. Ich habe Enkelkinder, deren Vater aus einem andern Land kommt. Bei meiner Enkelin, von der ich hier erzähle, ist dies äußerlich sichtbar; bei den anderen geht es aus ihrem Namen hervor. Auch sie werden ständig vor die Wahl zwischen den Niederlanden und dem Land ihres Vaters gestellt.
Nachdem die Hälfte der Jahre im Lager um war, trennten die Japaner die Juden von den übrigen Inhaftierten. Es gab Gerüchte darüber, was die Deutschen den Juden antaten, doch hier im fernen Asien schienen sie sicher zu sein. Der Befehl lautete, dass alle, die auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes in ihren Adern hatten, in ein anderes Lager abtransportiert werden mussten. Meine Mutter erschrak sich zu Tode: wir, ihre Kinder, hatten jüdisches Blut. Sie selbst war keine Jüdin, aber mein Vater war Jude und so waren wir halb-jüdisch. Wir wussten wohl, dass nach jüdischem Gesetz allein die Kinder einer jüdischen Mutter Juden sind, doch das kümmerte die Japaner sicher nicht. Meine Mutter hatte schlaflose Nächte. Meldete sie uns, konnten wir ihr weggenommen werden. Das passierte auch mit allen Jungen, sobald sie zehn wurden, weil man dann aus japanischer Sicht erwachsen war. Ich hatte das oft gesehen: die Mütter, die den Lastwagen mit Verzweiflung in ihren Augen hinterher rannten. Die Jungen, die dabei versuchten, sich tapfer zu geben und Haltung zu bewahren. Sollte meine Mutter geheim halten, dass wir halb-jüdisch waren? Und wenn das heraus kam oder man uns verriet? Wertheim ist ein jüdischer Name und Ungehorsam wurde grausam bestraft. Hatte mein Vater sich in seinem Lager als Jude gemeldet und wusste man das hier? Schließlich entschied meine Mutter, sich selbst als Jüdin auszugeben. Auf diese Weise waren wir „ganz“, und sie würde mit uns ins jüdische Lager gehen.
Eines frühen Morgens mussten wir zum Tor kommen und wurden zusammen mit allen anderen Juden auf einen Lastwagen geladen. Das Lager, das uns erwartete, war schlimmer als das davor: noch weniger Essen, noch mehr Krankheiten, noch mehr Gewalt. Die Japaner sonderten die Juden aus so wie die Deutschen dies in Europa taten. Anders als in Europa geschah dies jedoch nicht mit dem Ziel uns umzubringen. Juden wurden längst nicht in allen japanischen Lagern - wohl aber auch im Lager meines Vaters – von den anderen Inhaftierten getrennt. Mein Vater glaubte jedoch dass er gute Chancen hatte, seine jüdische Herkunft verbergen zu können. Männer allein konnten größere Risiken eingehen als Frauen mit Kindern. Inzwischen wurde in Europa fast unsere gesamte Familie väterlicherseits umgebracht. Meine jüdischen Großeltern machten ihrem Leben an dem Tag ein Ende, an dem die Niederlande kapitulierten.
Die Wahl vor die meine Mutter gestellt wurde war unmenschlich: entweder riskierte sie ihre Kinder zu verlieren oder es drohten grauenhafte Strafen. Ihre Lösung war zwar erfinderisch, doch das jüdische Lager war schlimmer als das vorherige Lager und wo Menschen vor Hunger sterben ist der Unterschied zwischen „schlimmer“ und „weniger schlimm“ lebenswichtig.
Die Erfahrung dazu gezwungen zu werden, eine Wahl zwischen „Rassen“ zu treffen, hat mich mein weiteres Leben lang beschäftigt. Um ‚ganz’ sein zu dürfen, mussten wir  zwischen jüdisch und nicht-jüdisch wählen, doch ich fühlte mich beidem zugehörig. Auch denke ich, dass es allen gestattet werden muss, eine Zwischenform sein zu können und zwar nicht nur in genetischer, sondern auch in kultureller Hinsicht. Ich lebte zehn Jahre lang im tropischen Indonesien und nahm dort neben den Gerüchen, Farben, Formen und Klängen auch die Umgangsformen in mich auf. Die Gerüche bringen mir heute noch meine frühen Kindheitserinnerungen zurück. Ich habe eine Vorliebe für batikartige Muster und Farben. Auch habe ich mir in den Kopf gesetzt, dass ein Kampong-Hahn ganz anders kräht als ein holländischer Bauernhahn und niemand kann mich vom Gegenteil überzeugen. All diese Dinge teile ich nicht mit Menschen, die in den Niederlanden aufgewachsen sind. Als ich nach dem Krieg hierhin gekommen bin, lachten die Kinder in meiner Klasse über ganz andere Dinge als ich. Auch kulturell gesehen bin ich in diesem Sinn nicht „ganz“; ich kombiniere in meiner Identität verschiedene Kulturen.
Es ist erschreckend, dass nach so vielen Kriegen und rassistischer Gewalt noch so viele Menschen sich und andere in Gruppen einschließen und so – meistens unabsichtlich – zum Entstehen neuer Gewalt beitragen. Ihr Vorstellungsvermögen reicht offensichtlich nicht aus, um zu sehen, dass der schöne vielseitige menschliche Geist sich nicht in Bruchstücke zersplittern und sich ganz sicher nicht aufgrund so eines Bruchstücks in eine Gruppe einschließen lässt.
Viele Migranten und ihre Nachkommen sind genetisch von gemischter Herkunft: eine Hälfte von diesem, ein Viertel oder ein Achtel von jenem. Selbst diejenigen, die genetisch „ganz“ sind, sind doch zumeist „halb“ in kulturellem Sinn. Ihre Persönlichkeit beherbergt eine Kombination von Kulturen, die genau wie die niederländische Kultur weit davon entfernt sind, einförmig zu sein. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Atmosphäre, in der die Rede von auseinander driftenden Bevölkerungsgruppen ist, droht so eine „kombinierte Identität“ in Verdacht zu geraten oder wird mit der Vorstellung aufgeladen, dass es sich hierbei um eine Weigerung handelt, Teil der Gemeinschaft sein zu wollen. Genau so wie wir in den japanischen Lagern müssen die Menschen ständig Situationen einschätzen und abwägen, was sie sagen oder tun. Anhänglichkeit an das Herkunftsland kann dazu führen, ausgestoßen zu werden. Sich mit Haut und Haaren anpassen kann bedeuten, dass man seine Selbstachtung verliert. Sie dürfen nicht „ganz sein“ und zugleich eine Mischung sind. Meine Enkelin will aber nicht als „halb“ bezeichnet werden und eigentlich auch nicht als „doppelt“. „Du bist eine Kombination“, sage ich. Willst du ein ‚Kombi’ sein? Da sieht sie mich strahlend an.
Tausende von Jahren wanderten Menschen in alle Richtungen über den Erdball oder lebten in verschiedenen Ländern. Hierdurch besteht jetzt bereits ein bedeutender Teil der Weltbevölkerung aus genetischen und kulturellen Mischformen, die durch fortschreitende Globalisierung weiter zunehmen werden. All dies ist phantastisch; denn um so weniger äußerlich erkennbare Gruppen es gibt, um so weniger kann es rassistische oder andere Gewalt gegen Gruppen geben. Lassen wir jeden und jede sich selbst sein und ihre eigene Identität zusammen stellen, eine Identität, die  - teils angeboren teils während des Lebens entwickelt - weitaus mehr umfasst als die ständig betonte Herkunft und Kultur:  Frau, Mann oder Zwischenformen, Geliebte(r), Kind, Enkelkind, Eltern, Betreuer, Großeltern, Schwester, Bruder, Herkunft, Abkunft, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Interessen, Talente, Fähigkeiten, Beschäftigungen, Empfindlichkeiten, Überzeugungen, religiöse oder nicht-religiöse Zugehörigkeiten, Lebensstil, Leidenschaften... Jeder und jede hat eine kombinierte Identität. Wir sind alle „Kombis“!

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